Fachübersetzungen Recht und Wirtschaft - Französisch, Spanisch

Aus der täglichen Arbeit

  • Fehlerquelle Suchen und Ersetzen

    Soeben finde ich ein EU-Dokument (ÜBEREINKOMMEN zum Schutz des Rheins gegen chemische Verunreinigung) aus grauer, nichtcomputerisierter Vorzeit (1977) im Netz, das die EU offenbar elektronisch verfügbar gemacht hat. Ich weiß nicht, mit welchen Mitteln die EU dabei gearbeitet hat, aber ganz offensichtlich hat schließlich die Suchen-und-Ersetzen-Funktion einer Textverarbeitung eine große Rolle gespielt. Aus dem Ergebnis lässt sich viel lernen.

    Aufgefallen war mir zunächst nur: "... auf Antrag der zürst handelnden Partei ...". Beim genaueren Hingucken finden sich dann weitere Perlen wie die Saürstoffbilanz, SüßWasser, Gewäßer ...

    Hier zeigt sich, was ein unbedachter Einsatz der Suchen-und-Ersetzen-Funktion im Text anrichtet. Das gilt natürlich allgemein für jeden Textproduzenten, aber auch insbesondere für den Übersetzer, der bei dem iterativen Vorgang des Übersetzens besonders häufig in die Situation gerät, einen bereits verwendeten Terminus ändern zu müssen – sei es zum Beispiel, dass er merkt, dass der gewählte Ausdruck doch nicht so gut passt, oder sei es, dass er bei weiteren Recherchen etwa feststellt, dass der Kunde oder die Allgemeinheit eigentlich eine andere Rede- oder Schreibweise bevorzugt. In dieser Situation gibt es zwei mögliche Vorgehensweisen:

    Die langsame besteht in der Suche jedes bereits geschriebenen Wort- oder Zeichenfolgevorkommens und dessen manueller Änderung. Die schnelle ist die Nutzung der Suchen-und-Ersetzen-Funktion der Textverarbeitung.

    Wie der EU-Text zeigt, ist hier aber Vorsicht geboten: Manche Änderungen haben an Stellen Auswirkungen, wo sie nicht erwünscht sind. Ue ist z. B. für Schreiber auf einer nicht-deutschen Tastatur möglicherweise das Mittel der Wahl, um den Umlaut ü schnell zu schreiben. Hinterher sind diese Textstellen ja fix mit "Suchen und Ersetzen" (oder auch mit der Autokorrekturfunktion von Word) umgewandelt. Ein unscheinbarer Sonderfall wie zuerst oder Sauerstoff, wo u und e aufeinanderstoßen, ohne ein ü zu ersetzen, wird da aber leicht übersehen.

    Beim Ersetzen ganzer Wörter können die Auswirkungen noch gravierender sein:

    Wenn bei Wörtern, die auch als Bestandteil eines anderen Wortes vorkommen, nicht die Groß- und Kleinschreibung beachtet wird, kommt man zu Ergebnissen, wie sie in dem Text zuhauf vorkommen: RheinWasser, SüßWasser, SalzWasser, AbWasser, TrinkWassergewinnung ...

    Bei Substantiven ändert sich zudem oft nicht nur der Stamm des Wortes, sondern auch seine Deklinationsendungen (der Vertragspartner, des Vertragspartners, die Vertragspartner, den Vertragspartnern gegenüber die Vertragspartei, der Vertragspartei, die Vertragsparteien, der Vertragsparteien). Wechselt dann auch noch das grammatische Geschlecht, sind nicht nur weitere Änpassungen des jeweiligen Satzes erforderlich, sondern auch des weiteren Textumfelds: Im Satz sind Artikel (der/die/das, ein/eine), mit Artikeln verschmolzene Präpositionen (z. B. zum/zur), Adjektive und Pronomen (z. B. sein/ihre, diese/diese) betroffen, im weiteren Umfeld ist nach Pronomen (dieser/diese, er/sie usw.) und Kurzformen des zu ändernden Worts (Partner/Partei) zu suchen, die dieses wieder aufnehmen.

    Eine automatische Ersetzung wird also in den meisten Fällen nicht möglich oder ausreichend sein.

    Daher gilt bei allen globalen Änderungen am Text: Jedes einzelne Vorkommen muss genau geprüft werden, bevor eine automatische Ersetzung der einzelnen Fundstelle bestätigt werden darf. Häufig sind manuelle Änderungen nicht zu vermeiden – viel Arbeit für eine an sich kleine Änderung!

    In dem zitierten Übereinkommen finden sich übrigens 160 Vorkommen von ü, die entweder bei oder nach der Ersetzung einzeln geprüft werden müssten, um die wenigen Fälle auszuschließen, in denen ue nicht durch ü ersetzt werden darf.

         Do., 14. Juni 2012

  • Ehevertrag statt Erbvertrag

    Ein schönes Beispiel dafür, dass der Mensch gerne liest, was er lesen möchte, und nicht, was geschrieben steht, finde ich heute in der französischen Übersetzung eines Testaments:

    Deutsch: 

     Keiner von uns ist durch einen Erbvertrag oder durch ein gemeinschaftliches Testament gehindert, die nachfolgenden Verfügungen von Todes wegen zu treffen. 

    Französisch:

      Aucun contrat de mariage ou testament conjonctif n’empêche l’un de nous de fixer nos dernières volontés dans ce qui suit.  


    Zwei kleine Buchstaben in dem handgeschriebenen Testament falsch gelesen, und schon wird aus dem Erbvertrag ein Ehevertrag! Ohne die Korrektur nach dem Vier-Augen-Prinzip wäre diese Übersetzung so an den Kunden gegangen ...

         Fr., 8. Juni 2012

DE | FR | ES
Schriftgröße
A A A A

Diane Keller
Diplom-Übersetzerin (BDÜ)
Öffentlich best. und allgem. beeidigte Übersetzerin

Tél.: +49 700 32 30 80 12
Fax: +49 700 32 30 80 13

translator@diane-keller.de
www.diane-keller.de